Kritisch hinterfragt: Brauchen wir untereinander Wettbewerb?

Wettbewerb, so meinen wir zu wissen, ist der Motor der Weiterentwicklung und des Wachstums, erzählen uns doch dies Wirtschaft und Politik ständig. Der Wettbewerb selbst ist ein erfolgreiches Konzept. Überall findet er statt: in der Schule, am Arbeitsplatz und der Familie. Ohne Konkurrenzkampf, so glauben wir, geht es ja gar nicht. Wodurch sollten wir ihn auch ersetzen? Als Rechtfertigung in Bezug auf Kinder lauten die Argumente: Wäre es nicht gefährlich, wenn sie nicht früh lernen würden, mit Konkurrenz klar zu kommen? Sie müssen doch lernen, danach zu streben, zu den Besten zu gehören! Sonst sind sie Versager.

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Beim Wettstreit gibt es einen einzigen Sieger – das ist der, der das Leistungskriterium am besten erfüllt. Er bekommt die besten Noten, arbeitet am längsten oder aquiriert die meisten Kunden. Das nützt ihm aber nur etwas, weil es die anderen gibt, die, die langsamer sind und nicht so hoch oder weit springen können. Das sind die, die schlechter sind. Ein Merkmal des Wettbewerbs ist also der Vergleich. Sehr ehrgeizige Menschen nehmen gerne an Wettkämpfen teil, brauchen aber regelmäßig Siege, um sich gut fühlen zu können. Erleiden sie eine Niederlage, fühlen sie sich als Versager.

Beim Wettkampf muss man sich stets mit anderen vergleichen und schauen, was sie machen, wie sie agieren, muss ihre Leistung einschätzen. Man richtet also seine Aufmerksamkeit nach außen und ist mehr bei den anderen als bei sich. Zwar kann man sich viel erarbeiten und erfolgreich sein, aber innere Sicherheit wird man kaum erlangen, denn die anderen sind einem ja immer auf der Spur.

Gibt es hingegen keinen Konkurrenzkampf, dann kann man ganz bei sich sein und sich auf seine eigene Leistung konzentrieren. Das gibt innere Sicherheit und man kann mit sich zufrieden sein. In diesem Zustand ist man kreativ und kann seinen guten Beitrag leisten.

Gerald Hüther beschreibt in diesem Video u.a., dass unser Schulsystem bisher auf Homogenität ausgerichtet war. Durch Einteilung in Haupt-, Realschule und Gymnasium haben wir relativ homogene Leistungsklassen geschaffen. Da Kinder aber nicht homogen sind, haben sie, um sich überhaupt als Individuen fühlen zu können, Wettbewerb gelernt. Sie können sich nur von anderen unterscheiden, wenn sie besser sind, so Hüther.

Und es gibt noch mehr Motivationen, sich von anderen abzugrenzen: da gibt es die Rolle des Schlechtesten, des Aufmüpfigsten, des Faulsten etc.. Wieviel Energie fließt dort hinein, die an anderer Stelle konstruktiver eingesetzt werden könnte?

Menschen geben unter normalen Umständen ihr Bestes und sind hilfsbereit. Dazu braucht es keinen Wettbewerb. Dort, wo sie sich anders verhalten, sind dekonstruktive Prozesse am Werk, die es zu entdecken und entschlüsseln gilt. Oft kann man das nicht allein, weil sich selbst jeder der Blindeste ist. Dann braucht man Hilfe von außen.

Es ist an der Zeit, Wettbewerb in Schule, Familie und Beruf in Frage zu stellen. Ersetzt werden kann er durch Kooperation. Ein Lehrer von mir pflegte zu sagen: „Vier Gehirnhälften wissen mehr als zwei.“ Ich finde, das ist ein sehr schöner Satz. Und man sollte sich über eines im Klaren sein: Nur weil unsere Vorfahren kooperativ handeln konnten, gibt es uns. Kooperation liegt in uns. Nutzen wir sie!

Literatur: Rudolf Dreikurs: Soziale Gleichwertigkeit. Die Forderung unserer Zeit, 1971

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