Menschliches Verhalten erklären: Nicht das „Warum“ ist wichtig, sondern das „Wozu“

Häufig versuchen wir, das Verhalten anderer zu erklären und fragen uns, warum sie etwas machen. Ich möchte dazu ein kurzes Beispiel geben, das ich selbst erlebt habe:

Mein Mann und ich wandern in den Bergen. Wir sind flotte Wanderer. Da hören wir hinter uns ein Pusten und werden von einer kleinen untersetzten älteren Frau mit vollem Stockeinsatz überholt. Wir gucken uns verdutzt an. Als sie außer Hörweite ist, mutmaßen wir: Vielleicht macht sie ein spezielles Training oder sie will abnehmen?

Hinter der nächsten Biegung holen wir sie ein, weil sie mit einer Autofahrerin, die am Straßenrand parkt, plaudert. Wir passieren das Auto. Kurze Zeit später hören wir wieder ein Pusten und die Stöcke der Frau klicken auf dem Boden. Als sie uns das zweite Mal überholt sage ich: “Sie haben ja eine bewundernswerte Kondition!“ Sie antwortet: “Ach, ich muss um 15.00 Uhr den Bus unten an der Straße bekommen, sonst habe ich ein Problem“.

Man kann sich viel ausdenken, warum Menschen etwas tun, aber es ist immer reine Spekulation! Nur das Ziel, das „Wozu“ erklärt das Verhalten.

Alfred Adler hat als erster das zielorientierte (teleologische) Verhalten des Menschen erkannt. Er sah den Menschen nicht wie Freud, von seinen Trieben gesteuert, sondern als eigenverantwortlich für sein Denken, Fühlen und Handeln. Deshalb sind seine Handlungen, Emotionen, Eigenschaften und sein Charakter nicht festgelegt durch Anlagen oder Triebe, sondern sie unterliegen seiner „schöpferischen Kraft“. Diese befähigt ihn, seine Ziele selbst zu bestimmen.

 

Literatur: Rudolf Dreikurs: Grundbegriffe der Individualpsychologie, 11. Aufl. 2005

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