Warum die Timeout-Methode aus Sicht der Individualpsychologie niemals funktionieren wird

Timeout Sabine ScherzTimeout heißt Auszeit und bedeutet im Kontext der Erziehung, ein Kind vor die Tür oder in einen Nebenraum zu schicken. Damit soll erreicht werden, dass das Kind in Ruhe über sich nachdenken kann, dann geläutert wieder den Raum betritt und sich „besser“ verhält.

Funktioniert der Timeout?

Kurzfristig schon. Sollten Sie die Methode anwenden, überprüfen Sie doch vor Ihrem inneren Auge, bei welchen Kindern dauerhaft eine Änderung im Verhalten eingetreten ist und bei welchen nicht. Wahrscheinlich kommen Sie zu dem Schluss, dass keine dauerhafte Änderung zu verzeichnen ist. Die Kinder landen weiter regelmäßig vor der Tür.

Die Methode nützt also nichts. Warum nicht?

„Der Mensch ist ein soziales Wesen“, sagte schon Alfred Adler, was bedeutet, dass der Mensch ohne andere Menschen nicht lebensfähig ist. Was alle Menschen gleich welchen Alters suchen, ist Zugehörigkeit. Dies ist das Gefühl, wertvoll zu sein, gehört und gesehen zu werden. Der Hirnforscher Joachim Bauer definiert das Zugehörigkeitsgefühl als

Kern aller Motivation, zwischenmenschliche Anerkennung, Wertschätzung, Zuwendung und Zuneigung zu finden.“

Das Zugehörigkeitsgefühl ist Schlüssel für menschliches Verhalten

Für den Menschen hat das Zugehörigkeitsgefühl lebenslang eine enorme Bedeutung. Kinder, die sich nicht zugehörig fühlen, sind verhaltensauffällig. Jugendliche, die sich zur Familie nicht zugehörig fühlen, driften in die Peer-Group ab und sind kaum mehr zu Hause. Sie stillen sich in der Gruppe gegenseitig ihr Bedürfnis nach Zugehörigkeit und das geschieht oft mit ungeeigneten Strategien wie z.B. Blödsinn machen oder auch Drogen bzw. Kriminalität.

Es gibt immer Bereiche, in welchen man sich zugehörig fühlen kann oder nicht: in der Familie, der Ehe/Partnerschaft, Schulklasse, am Arbeitsplatz usw. Beispielsweise ist Mobbing eine sehr starke Verletzung des Zugehörigkeitgefühls und kann gesundheitlich gefährlich sein.

Man muss um die Bedeutung des Zugehörigkeitsgefühls wissen und diese wirklich be-greifen. Denn vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass ein Wegschicken oder Aussperren –  wie freundlich es auch immer genannt werden mag –  zunächst das Zugehörigkeitsgefühl des betreffenden Kindes beschädigt. Geschieht es öfter, wird die Beschädigung immer größer und gleichzeitig die Beziehung zum jeweiligen Pädagogen zerstört. Dadurch wird eine Abwärtsspirale in Gang gesetzt. Das Verhalten des Kindes wird zunehmend herausfordernder, der Erwachsene wird gereizter.

Welche Maßnahmen wirken sich positiv auf das Verhalten des Kindes aus?

Zunächst Maßnahmen, die das Zugehörigkeitsgefühl nicht beschädigen. Im pädagogischen Kontext könnte der Erzieher mit dem Kind gemeinsam aus dem Gruppenraum gehen. Nachdem es sich beruhigt hat und erzählen konnte, was passiert ist, könnte ihm freigestellt werden, wieder mit in die Gruppe zu kommen oder noch etwas Zeit alleine verbringen zu wollen (nicht müssen).

Außerdem wirken sich alle Verhaltensweisen seitens des Erwachsenen, die die Beziehung zum Kind stärken, positiv aus. Eine gute Beziehung zum Kind ist die Brücke, die es braucht, um kooperatives Verhalten zeigen zu können. Die folgende Aufzählung ist nicht vollständig, sondern gibt lediglich einige Hinweise auf die nötigen Verhaltensweisen. Pädagogen sollten:

  • wissen, wie wichtig das Zugehörigkeitsgefühl ist und ihr Möglichstes tun, es bei den Menschen, die ihnen anvertraut sind oder mit welchen sie zu tun haben, zu stärken.
  • stets an der eigenen Haltung gegenüber dem Kind und anderen Menschen (z.B. seinen Eltern) arbeiten.
  • verstehen und verinnerlichen, dass jeder zu jeder Zeit sein Bestes tut und damit die Zielorientiertheit von Menschen anerkennen.
  • fest, klar und freundlich sein; Führungskompetenz haben.
  • sich in andere einfühlen können. Sich z.B. fragen, wie es einem selbst in einer bestimmten Situation gehen und wie man sich verhalten würde.
  • das Kind nach seiner Meinung fragen. Es Vorschläge machen lassen.
  • auf Kritik und Meckerei verzichten. Das sind klassische Beziehungszerstörer.
  • die Fähigkeiten bei sich und anderen feststellen und benennen können.
  • die Fähigkeiten auch in nervendem Verhalten zu erkennen. Wege finden, wie das Kind diese Fähigkeiten mit kooperativem Verhalten zeigen kann.
  • positives Verhalten durch Anerkennung verstärken.
  • negatives Verhalten nicht so wichtig machen.
  • nicht so viel reden, sondern handeln (z.B. mit logischen und natürlichen Folgen arbeiten).
  • eigene Erwartungen drastisch einschränken oder am besten ganz fallen lassen.
  • ….

Mit Hilfe dieser Verhaltensweisen und Methoden erhält man als Erziehende(r) mehr Sicherheit und Gelassenheit und die Beziehung zum Kind verändert sich positiv. Die Führungsrolle, die der Erwachsene ausübt, beinhaltet selbstverständlich auch ein Nein bzw. das Aufzeigen der Grenzen des Erwachsenen.

Kinder wollen kooperieren, wir Erwachsene müssen ihnen den Raum dazu geben. Von Erwachsenen gesetzte Regeln und Strafen, Meckereien, Nörgeleien, Erwartungen und Forderungen schränken diesen Raum ein. Erziehung funktioniert auch ohne all das mit einer Haltung, in der Gleichwertigkeit gelebt wird.

Weitere Links zum Thema:

Das Encouraging-Training „Sich als Eltern gut fühlen“ (Das Training wird in einer veränderten Form auch speziell für Pädagogen und Erzieher angeboten).

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